So entstand das 16. Bittstädt Open Air 2014

Zahllose Telefonate, Treffen und Verhandlungen mit Feuerwehr, neuer Verwaltungsgemeinschaft, neuen Zuständigkeiten. Endloses Abwägen aller Möglichkeiten, aller Fürs und Widers. Und Anfang Februar 2014 die Gewissheit – wir können nicht mehr nach Bittstädt zurück.

Sofort beginnen wir mit der Planung für Crispendorf. Daraus ergibt sich der Termin fürs Bittstädt Open Air 2014 – das Gelände ist nur noch vom 13. – 15. Juni zu haben. Erst jetzt können wir Bands buchen. Es ist eigentlich schon viel zu spät und erschwert die Verhandlungen mit einigen größeren Bands. Wir haben etwa 15 Headliner-Kandidaten, mit denen es nicht mehr klappt wegen zuwenig Termin-Vorlauf. Wir verbringen wieder viele Nächte mit Zusammensitzen, Bands durchhören, Videos beurteilen, mit Konzertbesuchen und mitgebrachten Eindrücken, mit dem Nachgehen von Tipps und Empfehlungen, wieder mit Zusammensitzen, Diskutieren, Durchhören und Abwägen. Zum Glück passt es letztendlich trotz Terminknappheit mit Ohrenfeindt, Finnegan’s Hell, den Klippelbriedern, und den anderen 12 Bands, die zusammen ein Programm ergeben, das mehr als ebenbürtig den bisherigen Bittstädt-Programmen ist.

Erstmals bewusst am neuen Standort heißt, wir ziehen nicht erst eine Woche vor Festivalbeginn spontan um. Heißt auch, wir können Werbung in der Region machen und auf neue Bittstädt-Fans hoffen. Wir verteilen 15.000 Flyer und Plakatieren im Saale-Orla- und Saale-Holzland-Kreis, in und um Schleiz, Gera, Jena, Weimar, Erfurt, Arnstadt, Gotha, Zwickau, Leipzig, Altenburg, Chemnitz, Dresden. Wir infiltrieren intensiv die Bikerszene über Bikertreffen und Clubs. Wir machen Split-Flyer mit dem Gössnitz-Open-Air – Gössnitz wirbt mit für uns, wir werben mit für sie. Mindestens genauso gut läuft die Zusammenarbeit und Unterstützung mit dem Oettersdorf Open Air. Alle Bands weisen vorab über ihre Konzerte aufs Open Air hin verteilen Flyer und Plakate. Wir versehen alle erreichbaren und relevanten Festivals, die vorher stattfinden, mit Plakaten und Flyern. Wir penetrieren die Welt über Facebook, Newsletter-Mails und Twitter. Wir nutzen die Zeitungen um Crispendorf mit mehreren redaktionellen Artikeln und Anzeigen und verlosen Freikarten. Wir inserieren mit mehreren Monaten Vorlauf bei den bundesweiten Festival-Online-Portalen wie Festival-Guide, Festivalticker, Festivalhopper, lokalen Veranstaltungs-Hinweis-Seiten wie PartySOKe etc. und halten diese Beiträge laufend aktuell. Wir haben uns die Beschwerden und Hinweise der Vorjahre zu Herzen genommen und richten einen zertifizierten, aber eigenen und dadurch diesmal gebührenfreien Online-Vorverkauf ein.

Die übrige Vorarbeit spitzt sich langsam zu. Aber einerseits sind wir nach 4 Jahren Selbstorganisation ein eingespieltes Team, haben vieles schon vorbereitet, andererseits finden sich nach und nach immer mehr Freunde, die sich bereiterklären, zu helfen. 2014 sind wir ein Team von 21 Leuten, plus das Personal des Ferienlandes. Damit kann man schonmal ein Open Air veranstalten.

Und dann rückt der Termin heran. Die angstvollen täglichen Abrufe der Wettervorhersagen ergeben diesmal: Möglicherweise das erste Bittstädt Open Air seit 4 Jahren ohne Unwetter, Nachtfröste oder unerträgliche Großwetterlagen. Milde sommerliche Angenehmizität wird prophezeit.

Mittwoch

Ein 2-Tonnen-Anhänger, beladen mit Kühl- und Schanktechnik sowie Getränken für 21 Crewmitglieder und 68 Musiker für ein Wochenende, wird abgestellt vorm Crayfish-Proberaum. Nach der letzten Crayfish-Probe um 22 Uhr wird die Backline fürs ganze Open Air (das sind Schlagzeug, Gitarren- und Bass-Boxen- und Verstärker) zugeladen.

Donnerstag

Nach Feierabend, also nach 18 Uhr werden sämtliche Zelte und Pavillons, Absperrmaterial, Beleuchtung, Kabel, Verteiler und so weiter in den bereitstehenden Anhänger zugeladen. Viel von dem Kram ruht ein Jahr in vorgefertigten Bittstädt-Kisten und muss nur aufgeladen werden. Der innerste Veranstalterkreis lehnt sich etwa 20 Uhr an den beladenen Anhänger, leert eine Flasche Bier pro Person, überlegt was alles vergessen wurde, und trennt sich. Der eine Teil nimmt sich der Reparatur aller ramponierten Pavillon-Teile an, der andere Teil beginnt drei große Töpfe Chili für die Bands und Crew zu kochen. Etwa 1:00 Uhr sind alle im Bett. Der andere Teil, der dem mit dem Chili und mir entspricht, beginnt wie immer morgens ab 5:30 Uhr, weil er nicht mehr schlafen kann mit allem was man so vergessen hat und was einem so im Bett dann wieder einfällt. Beispielsweise hatte ich persönlich mir fest vorgenommen, diesmal am Einlass einfache Programme auszugeben. Das Bittstädt Open Air besteht schon immer zu einem großen Teil aus handverlesenen, erstklassigen Bands, die kaum jemand kennt. Ein Sinn des Festivals ist, daß man neue Musik kennen lernen kann. Viele Gäste haben damit Probleme. Also muss man ihnen den Zugang zu neuer Musik erleichtern. Zum Beispiel mit einem Programm-Blättchen, welches man auf dem Zeltplatz entspannt lesen kann, welches Hintergründe und Stile kurz erklärt und vielleicht dazu führt, daß der eine oder andere breit gewordene, faltig-schlaffe Arsch doch mal vom Campingstuhl erhoben und vor die verdammte Bühne bewegt wird, auf der sich zum Beispiel fünf Leute wiederum ihren eigenen Arsch aufreißen. Fünf Leute, die Monate im Proberaum geschwitzt haben und die sich auf ein Publikum freuen.

Freitag

Ab 5:30 läuft die Maschine wie geschmiert. Der leere LKW mit vollem Backline-Anhänger fährt zum PA- und Bühnen-Lager in Ranis und wird dort bis 10:00 beladen. Unser alter Volvo rollt ab 9:00 beladen mit sämtlicher Ausschilderung den Hauptweg nach Crispendorf ab und stellt die seit 4 Jahren verwendeten und gelobten Mehrweg-Hinweis-Schilder auf. 10:30 treffen sich alle in Crispendorf. Helmut (Inhaber des Staplers) hat den 10.000 Jahre alten Stapler bereits in Wallung versetzt – aufgrund eines maschineninternen Zwistes zwischen Batterie und Anlasser ist es äußerst schwer, das Maschinegerät zu Reaktionen zu bewegen. Als wir ankommen tuckert er aber voller Vorfreude vor sich hin. Glücklicherweise hat sich einerseits letztes Jahr gezeigt, daß sich mein sprichwörtliches Einfühlungsvermögen auch auf alte Maschinen erstreckt, andererseits hab ichs noch nicht wieder vergessen. Ich kann die Bude also noch fahren. LKW ist pünktlich entladen, Aufbauhelfer für Bühne sind pünktlich alle angereist, Bauzaun wird gestellt, erste Bands reisen an.

Apropos pünktlich. Erstes Schwitz. Cheftechniker Hoppel fährt aus allen Wolken wie ein Blitz, naja eher wie ein Donner, oder Meteorit, Meteor, größerer Komet, kleinerer Mond, als er von Programmbeginn 18:45 hört (seit 2 Wochen online, Anm. d. Verf.). Er behauptet auf der Website Programmbeginn 20 Uhr gelesen zu haben (stand da nie, Anm. d. Verf.), und das hätten wir immer so gemacht (nee, nur einmal, 2013, sonst nicht, Anm. d. Verf.). Das führt zu Irritationen und Improvisationen (und zu einem blaugeschlagenen Verfasser wenn Hoppel das hier gelesen hat).

Naja is nich zu ändern – wir müssen meine durchgerechnete Running Order neu durchrechnen. Wir müssen allen Bands 10 Minuten Spielzeit wegnehmen und Crayfish, die am Schluss spielen und insgesamt mehr Zeit zugewiesen hatten, 40 Minuten kürzen. Stößt bei allen Bands auf Verständnis, außer bei Hippie Langstrumpf, die ein komplexes Programm aus langen Arrangements haben und ins Schwitzen kommen, weil sie quasi mitten in einem Song aufhören müssen. Aber wir wurschteln uns durch. 20:30 startet endlich der erste Ton und es beginnt.

A Perfect Gentleman sind einerseits schon abseits der Bühne zum Liebhaben und Knuddeln, übertreffen andererseits auf der Bühne die Erwartungen. Die Band kann sehr wohl die große Bühne aus- und er-füllen und überzeugt mit starken, eingängigen Songs mit Folk-Indie-Schlagseite. Ein superstarker Start, der leider vor spärlichem Publikum zündet.

Dämse können sich dann über bereits stärkeren Zufluss von den Zelten freuen. Und die nicht-irdische Kapelle sorgt schon optisch (der Rote, der Blaue und der Gelbe) für zunächst viel Hähen und Spähen, dann den einen oder anderen Schenkelklopfer, und schließlich für die ersten Hüpflinge vor der Bühne.

Hippie Langstrumpf spalten die ersten Geister. Für die einen zu sperrig, für die anderen eine Offenbarung in Psychedelic. Bei dieser Band wird deutlich, was mir schon manchmal auffiel. Hoppels Sound ist absolut perfekt, und für manche Band ZU transparent und klar. In diesem Klanggebäude hört man fast jeden Floh, der ins Mikro hustet. Zu solcher Musik gehört aber stattdessen ein wabernder und entrückter Hall zum Beispiel. Wird auch umgehend nachgeregelt.

Die Nächsten sind die Klippelbrieder. Hier muss vorangeschickt werden, daß es eine Band nicht mehr gibt, die bereits 5 CDs veröffentlicht hat, die es zur MDR Figaro CD des Monats gebracht hat, und die Krippelkiefern hieß.

Gibt es nicht mehr. Hier sind die Klippelbrieder. Und sie freuen sich unglaublich auf den Auftritt bei uns, sind äußerst sympatisch – der Draht steht sofort, und sie haben offensichtlich einige Fans mitgebracht. Das Konzert als solches spaltet wieder – von Gästen, die hiermit die erste Band finden, die sie berührt, bis hin zu Unverständnis. Das ist eigentlich das Zeichen hoher Kunst.

Den Abschluss des Freitags bilden Crayfish. Die Berichterstattung wird jetzt noch subjektiver, wegen aktiver Beteiligung des Verfassers. Weiß gar nich mehr genau, ich glaub die Spielzeit begann dann nach 1 Uhr. Das heißt, ich zum Beispiel war seit 20 Stunden durchgehend auf den Beinen und hab Open Air aufgebaut, bin schon fasst eingepennt und bin auch keine 28 mehr. Aber irgendwie – sobald das Licht auf der Bühne angeht und das mit der Gitarre anfängt macht das nichts mehr, der Körper setzt die letzten Adrenalinreserven frei, und man hopst dann doch noch rum wie unter 28. Keine Ahnung wie das funktioniert. Für Crayfish war es ein guter und lustiger Auftritt. Von der anderen Seite der Bühne – vorne - hab ich keine Rückmeldung, an die ich mich erinnere. Hicks?

Helmut kommt zur Bühne und fragt, ob er den Backstagebereich denn jetzt abschließen könne. Wir haben keinen Schlüssel. Damit wäre der dann dicht. Ich frage in die Runde, ob noch wer was rausholen muss, ich gehe mit Helmut rein und durch und kontrolliere, sehe nichts ungewöhnliches. Helmut schließt ab und geht ins Bett. Wie ich zurück zur Bühne komme haben sich dort zwei Dämsenmänner (ich glaub der Rote und der Gelbe) und einer ihrer Kumpels aus den Monitorboxen und Cases eine Situation gebaut. Während Hoppel rundherum Kabel wegräumt, sitzen sie im letzten Scheinwerferlicht und kloppen Skat. Meine Bemerkung des nun versiegelten Backstagebereiches führt zur Hysterie. Denn sie haben ihre sämtlichen Schlafsäcke und Decken noch da drin. Habbich gar nich gesehn. Nun wird beratschlagt wie man die Nacht verbringen könne. Es ist nämlich gar nicht mal so ne Dämse, sondern eher frisch. Der Blaue ist sogar fast richtig sauer. Das bekommt zum Glück Judith (Catering-Ministerin) mit und erinnert sich, daß tagsüber ein Fenster zum Lüften geöffnet worden war und wohl noch offen ist. Sie schnappt sich die Dämsenmänner und durch ebenjenes Fenster wird die Nachtruhe wieder hergestellt – entschuldige, Helmut! Der Rote und der Gelbe waren grad fertig mit Reizen und schmeißen ihr Blatt auf die Kiste. Der dritte Skater – schreibt man das so? Die Leute mit den Rollschuhen am Brett schreiben sich doch auch so, obwohl sie nicht Karten spielen? Also der dritte Skater kuckt bedröppelt. Da schnappen sich F und ich die beiden verwaisten Skatblätter und helfen ihm aus der Patsche. Mein Blatt ist durchwachsen. Fs auch. Der Dritte gewinnt. Hoppel räumt um uns rum weiter auf, die Dämsenmänner kommen vergnügt mit ihren Schlafsäcken zurück. Gute Nacht!

Sonnabend

Mit dem ersten Hahnenschrei schälen wir uns aus den Zelten. Eine völlig ungewohnte Situation. Wir sind NICHT erfroren, und wir sind TROCKEN. Selbst das Wetter hat nicht mitbekommen, daß Bittstädt Open Air ist.

Es gibt lecker Frühstück für alle im Crispen-Saal. Dann kann es losgehen. The Base Of Music haben sich inzwischen zusammengefunden und stehen bereit. Yaska bauen vorab schonmal ihr Equipment auf. Weil The Base Of Music nur einen Quadratmeter der Bühne brauchen, geht so nachher der Wechsel schneller. Das Programm beginnt mit einer extra gedichteten Dankeshymne ans Bittstädt Open Air, an Crispendorf und an alle Beteiligten. Was für ein Start in den Festivalsonnabend. Leider – und das wird sich durch den ganzen hellen Teil des Tages ziehen – sind die meisten Festivalgäste der Meinung, sich das Programm lieber vom Zelt aus, als vor der Bühne anzuhören. Auch dort hat man einen sehr guten Klang. Das müsste man wohl dauerhaft ändern. Für die Musiker ist die fast leere Wiese nicht unbedingt ermutigend. Der auf der Wiese liegende Bruder des musizierenden Base Of Music meint noch: „Na wenigstens ist so mit nicht allzu vielen negativen Reaktionen zu rechnen.“ Während der 35 Minuten des Programmes finden sich zumindest reichlich 20 Leute ein, die ihren Spaß haben.

Dann sind Yaska dran. Die Nachfolgeband unserer 2011er Gäste Lost.Minds hat ihren Sound im Groben beibehalten und weiterentwickelt und ist zum Trio geschrumpft. Live kommt das Ganze noch sehr viel dynamischer und bissiger als auf Tonträger oder Youtube, nicht zuletzt weil die Gitarre mehr Platz im Soundgebäude bekommt. Yaska überzeugen auf ganzer Linie und können sich nach dem Konzert über regen Zuspruch am Merchandising-Stand und etliche verkaufte CDs freuen.

Hercles Propaganda haben sich inzwischen in Schale geschmissen. Die Band, die sich selber nicht allzu, ihre Musik jedoch sehr ernst nimmt, spielt knallharten Rock der frühen Heavy-Metal-Schule. Die roten Lackstiefel, viel zu engen Lederklamotten und Pornobrillen sind ein Hingucker, aber am überzeugendsten sind die herrlichen und wirklich originellen Gitarren-Salven. Wenn Fritze die Doppelbelastung Gitarre / Singen live noch etwas besser in den Griff bekommt – den ursprünglichen Sänger hat man vor einiger Zeit vor die Tür gesetzt – dann sollte die Propaganda richtig durchstarten und bundesweit die Clubs aufrollen.

Von Sonic Beat Explosion bekomme ich leider gar nicht viel mit, weil inzwischen etliche der Samstags-Bands anreisen, um die ich mich kümmern muss. Das Technikzelt spricht hinterher von einem routinierten Gig und einer guten Show. Ihr müsst wissen, wir haben ein sprechendes Technikzelt. Das geht unseren Technikern auch immer ganz schön auf den Senkel.

Mit Burnin’ Alive gibt es erstmal ein herzliches, stürmisches, freudiges Wiedersehen. 2012 hatten uns die damals noch sehr jungen Musiker breitgeschlagen, sie unbedingt auf dem Open Air spielen zu lassen, obwohl das Billing schon voll war. Sie sind extra aus dem Schwabenland angereist. So ist es auch diesmal wieder. 2014 sind sie natürlich viele Jahre älter. Aber der Enthusiasmus ist der gleiche. So sollte es eigentlich bei jungen Bands sein, die mit ihrer eigenen Musik die Welt erobern wollen. Mitten im Set fällt plötzlich bei einer Gitarre das Signal ab. Der F rennt los und sucht eine Leihgitarre bei einer anderen Band, während Burnin’ Alive trotzdem weiterspielen. Er hastet zu Sonic Beat Explosion. Der Gitarrist – ist Linkshänder. Der andere? Möchte seine Gitarre nicht verleihen. Fritze von Hercules Propaganda? Auch Linkshänder. Aaaaber da stehen Alugobi vor ihrem Bus und spielen sich warm. Der Gitarrist rückt sofort seine Klampfe als Leihgabe raus, und Burnin’ Alive können ihren Set normal beenden. So macht das Spaß zusammen.

Auf Alugobi hab ich mich besonders gefreut. Stelle mich also vor die Bühne. Just als sie ihren Set beginnen, scheine ich ein Fitzelchen Handy-Empfang zu haben, denn selbiges klingelt. Finnegan’s Hell sind dran, sind bei Leipzig und finden uns nicht. Ich verlasse den Punkt vor der Bühne wegen Lärms und verlasse somit den Quadratzentimeter mit Handy-Empfang. Jemand hatte erwähnt daß es an der Einfahrt zum Gelände irgendwo Empfang gäbe. Ich hüpfe also ins Auto, muss letztendlich aber bis hoch nach Crispendorf fahren, bis ich endlich telefonieren kann. Dort bringe ich dann Finnegan’s Hell wieder auf die richtige Spur. Mick erzählt später im Backstage wie das war bei Leipzig. Sie hatten irgendwie einen falschen Zielpunkt rausgesucht und waren irgendwo in der Pampa. Sie haben dann einen Bauer nach Crispendorf gefragt – Mick kann ein bißchen Deutsch. Er beschreibt das Gespräch so: „The farmer said – WAAAAS? DA SEIDOR HIER DODAAL FALSCH! And then he laughed: HOHOHOHOHOOO!“

Als ich bei Alugobi vor der Bühne zurück bin, bekomme ich grad noch zwei Lieder mit. Schade. Aber das war ein schöner Farbtupfer im Programm.

Während ich so Nachmittags am Zaun stehe hüpft mir Jule ins sonnige Blickfeld und strahlt mich an – „Wir sind da!“ Ich bin kurz verwirrt und gehe im Kopf das Billing durch – wir haben doch gar keine Band mit Jule dabei? (Zur Erklärung –Jule spielt in gefühlten 50% der Jenaer Bands mit). Aber ganz einfach – sie ist mit Ihrem Freund da, und der spielt Gitarre bei den Bulletmonks. Ha, bin doch noch nicht komplett verwirrt. Mit den Bulletmonks gibt es ein genauso herzliches Hallo wie mit den Alive-Burnern. Feine Menschen. Und überragende Mugge! Wir haben die Band auf lautstarken Wunsch aus dem Publikum erneut gebucht, nachdem sie letztes Jahr schon alle weggeblasen hatten. Das neue Album ist fertig und darf nur leider noch nicht veröffentlich werden. Aber die Band wird auch live immer besser. Da kommt was Großes auf uns zu!

Währenddessen treffen die ersten riesengroßen und breiten, schwarz gekleideten Hünen aus Hamburch ein. Ein bissel mulmig war mir vorab schon, mit den ganzen Ridern, Bedingungen, Anforderungen an Essen, Getränke, Übernachtungen, Licht und Ton. Es waren nichtmal ungewöhnliche Forderungen, aber hinter solchen Listen können penible A.-Löcher stecken – oder Kumpeltypen wie Ohrenfeindt. Es zeigt sich – alles ganz nett und einfach. Unsere Techniker haben sich mit ihren abgestimmt, es klappt alles wie am Schnürchen. Obwohl unsere Technik komplett von der Bühne runter muss und das Licht teilweise umgebaut wird, kann die halbe Stunde für den Changeover eingehalten werden und es geht pünktlich los. Und dann kommt die Show – und überzeugt mich komplett. Ich gebe zu, daß ich selber Ohrenfeindt nur von Empfehlungen und von den auf youtube verfügbaren Clips kannte, was mich nicht unbedingt begeistert hat. Aber wie bei vielen Bands unseres diesjährigen Billings führt die tatsächliche Show die Mitschnitte im Netz ad absurdum. Das ist überhaupt nicht vergleichbar. Ohrenfeindt rocken, klingen astrein, haben das Publikum in der Hand und sind supersympatisch vom ersten Ton bis zur letzten Ansage. Das schlägt sich später auch im Andrang am Merchandising-Stand nieder.

Währenddessen treffen Finnegan’s Hell ein und haben uns somit tatsächlich gefunden. Zu Ohrenfeindt meinen sie – „Aaah, some kind of german AC/DC!“ Für Finnegan’s Hell ist es das allererste Deutschland-Konzert überhaupt, und sie fahren extra fürs Bittstädt Open Air von Schweden hierher und dann zurück. Ich hatte vorher versucht, noch eine Anschlussmugge in Wismar, Rostock, Stralsund, Schwerin, Berlin oder Leipzig zu bekommen, hat aber nirgends geklappt. Im Funkverkehr, den wir im Vorfeld hatten, klang immer wieder durch, daß die Band sich ganz besonders aufs Deutsche Bier freut. Klar das! Weil dieses Jahr im Backstage NOCH mehr gesoffen wurde als 2013, klemme ich Sonnabend Nachmittag die beiden letzten Fässer mit ihren Resten von der Schankanlage ab, um sie für Finnegan’s Hell zu sichern. Das führt dann auch zu großer Freude bei der Band, die natürlich völlig vetrocknet ist. Aber sie übertreiben’s nicht – Profis. Schnell noch eine Runde Chili und belegte Brötchen, dann geht’s schon auf die Bühne. Wir hatten uns als letzte Band eine echte Party gewünscht, und diesen Wunsch erfüllen die Schweden zu 150%. Feinster Speed-Punk-Celtic-Folk, Gitarrenduelle, little mad Akkordeonspieler mit Zylinder, und ein furios Tin-Whistle-nder und Banjo-ierender Mick. Das Publikum dankt’s mit Begeisterung und heftigem Hüpfen. Irgendwann geht trotzdem leider auch das schönste Konzert zuende. Das solls nun gewesen sein, das 16. Bittstädt Open Air? (Geiszbock am Sonntag laufen irgendwie außer Konkurrenz). Neinnein, das wars noch nicht! Die Schweden kühlen noch nicht ab. Wir schnappen uns einen Kasten Bier und alle Gestalten, die noch auf dem Festplatz verblieben sind und eilen ins Bettenhaus in den für Finnegan’s Hell reservierten Clubraum. Ich dachte immer, sowas gibt’s nur in Filmen und Legenden. Aber nee – es folgt eine zünftige After Show Party! Ein winzig kleiner Gitarrenverstärker wird auf die Lehne des Sofas geklemmt, dazu in die Runde ein Bongo, Akkordeon, Tin Whistle und ein Megaphon. Damit lassen sich die verschiedensten musikalischen Stile umsetzen. Ein Lied jagt das nächste. Irgendwann wollen die Schweden was vom Deutschen Liedgut kennenlernen. Intoniert wird alles, was zuerst ins Gehirn purzelt, bis hin zu „Hoch auf dem gelben Wagen“ und „Mein Hut der hat drei Ecken“. Letzteres wird ins Schwedische übersetzt und dann umso lauter zusammen gesungen. Die Techniker räumen draußen noch auf. Der F erzählt später „Als ich am Fenster vorbeilief kam grad Ace Of Spades – aufm Akkordeon!“ Ja so wars. Es wird langsam hell als wir endlich zum Zelt trotten. Die Schweden wollen früh beizeiten losfahren. Das schaffen sie auch. Als wir um 10 Uhr zu Frühstück kriechen, sind sie längst weg. Die können nur zwei Stunden geschlafen haben.

Sonntag

Der F isst das ganze letzte Rührei am Buffet auf. Dann schreiten wir zum letzten Akt und legen uns auf die sonnige Wiese, um Geiszbock zu huldigen. Zumindest bei dieser Vorstellung ist ein deutlicher Anstieg der Zahl des Publikums gegenüber dem Vorjahr zu bemerken. Etliche Lieder werden sogar schon mitgesungen. Der F hatte der Band die Pistole auf die Brust gesetzt und gefordert, mindestens drei neue Lieder mit zum Bittstädt zu bringen. Nachdem sich zugegebenermaßen das Programm der Vorjahre – nun ja – gedeckt hatte. Tatsächlich, die Auflage wird erfüllt. Und dem Publikum tut wiedermal alles weh vor Lachen. Und irgendwann ist alles vorbei.

Ab 12 Uhr beginnt der Abbau. Um 19 Uhr ist alles fertig und wir treffen uns im Abendsonnenschein vor unserer Stammkeipe in Tröbnitz, sitzen im Biergarten, sind angefüllt mit Glück und Resignat. Ich prüfe den Eintritt nach, und es bestätigt sich der erschütternde Eindruck. Für unser Festival interessiert sich nur eine Handvoll Leute.

 

Fazite

Wir haben alles, was uns einfiel und was wir bezahlen können getan, um diesmal ein Festival zu schaffen, das schön wie immer ist, und das sich selbst trägt, weil es außer uns genügend andere Leute interessiert.

Die Zahl unserer Gäste belief sich ziemlich genau auf ein Drittel der Menge, die nötig gewesen wäre, um alle Rechnungen bezahlen zu können. Was ist passiert? Wir hatten mit keiner unverschämt hohen Besucherzahl geplant und kalkuliert. Das Programm war erstklassig. Das wurde uns auch vehement und vielfach von den Dagewesenen bestätigt. Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team von über 20 Helfern. Alles hat perfekt geklappt. Das Wetter war spitze. Die Stimmung war super und alle haben sich wohlgefühlt. Es haben sich einfach nur viel zu wenig Leute für das interessiert, was wir da mit unserem privaten Geld und unserer Freizeit auf die Beine stellen.

Selbstverständlich haben wir schon dreißig Hinweise bekommen, wo der Fehler liegen könnte. Aber den gibt es nicht, DEN Fehler. Selbstverständlich kommt immer wieder – „Ihr habt zuwenig Werbung gemacht.“ Ja stimmt, in Deinem Schlafzimmer hing kein Plakat. Aber ich habe eingangs angedeutet, was wir alles gemacht haben.

Richtig – die Flugzeuge mit den großen Bannern und die Durchsagen zur Tagesschau konnten wir uns noch nicht leisten. Auch die Beileger in der Kinderüberraschung erschienen uns noch zu teuer. Die Helfer, die die Leute zu Hause abholen sollten, haben leider auch in letzter Minute abgesagt. Das klappt bestimmt bei anderen Festivals besser. Vielleicht lags daran.

Nehmt mir meinen Zynismus nicht übel. Mehr als ein halbes Jahr Vorarbeit, ein straff durchorganisiertes Wochenende, und als Ergebnis bleibt die Erkenntnis, daß es halt kaum jemanden interessiert. Und man verliert viel mehr als sein eigenes ganzes Geld. Da darf man schonmal ein bißchen enttäuscht sein.

Ein wichtiger Punkt ist mit Sicherheit, daß immer weniger Leute Interesse haben, neue Bands kennezulernen. Genau das ist ein Teil unseres Anliegens. Aber das lockt niemanden mehr hinterm Ofen vor. Das war vor 10 Jahren noch anders.

Was bleibt? Für uns eine weitere wunderschöne Ausgabe unseres Lieblingsfestivals. Es hat Spaß gemacht, wer da war hat sich wohlgefühlt, und sämtliche Bands waren großartig. Ob und wie es weitergeht? Ich weiß es nicht. Es war wunderschön, aber wir sind pleite.

 

Randbemerkungen

Einen Tag danach als es geschah im Schlafgemach. Beim Frühstücksbuffet. Hoppel beschwert sich beim Semmelschmieren über die Schwüle im Saal, „mein Gott ist das hier eine Dämse“. Ein Bellen vom Nachbartisch, wo der Schlagzeuger sitzt – „Haste ´n Problem? Ich komm glei rüber!“

Crayfish nutzen das 16. Bittstädt Open Air und stellen ihre seit 8 Jahren versprochene neue Klamottenkollektion vor. Pünktlich am Donnerstag vor Festivalbeginn rollt die Spedition mit den großen Kartons rein. Robin hat es durchgesetzt. Und endlich hat das laute Geschimpfe mancher Fans ein Ende. Die ersten heiß Bedürftigen werden am Festivalfreitag fündig. Und auch die Band muss nun nich mehr so friern.

Finnegan’s Hell brauchen für die Heimreise von Crispendorf nach Schweden 14 Stunden – wegen des „wunderbaren Staus“. Sie nutzen die festgenagelten Autos, die ja nicht fliehen können, um im erreichbaren Umkreis „etliche CDs“ zu verkaufen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie 5 Schweden mit einem winzigen batteriebetriebenen Gitarrenverstärker lauthals singend über eine verstopfte deutsche Autobahn ziehen.

Meisenmann 

 

Es bedanken sich bei allen Helfern und allen Besuchern die Organisatoren:

Thomas, Björn, Hoppel und Meisenmann.