14. Bittstädt Open Air

1. - 3. Juni 2012

FREITAG

White Rabbit Dynamite (Berlin)
70er-Psychedelic-Rock

Luc Stargazer (Dresden)
Indie-Post-Rock

Burnin' Alive (Heilbronn)
Hardrock - Glamrock

Babayaga (Jena)
Ska - Reggae - Latin - Funk - Pop - Jazz

Crayfish (Tröbnitz)
The Music Of AC/DC


SAMSTAG


At Lantic (Erfurt)
Rock

Footsteps (Leipzig)
Blues-Rock

Carpe Noctem (Jena)
String-Metal

Jimmy Glitschy (Jena)
Disco-Stoner-Rock

Hasenscheisse (Berlin)
Humoristische Akustik-Guitar-Trash-Balladen zum Abhotten

Phil Shoenfelt & Southern Cross (Prag)
Melancholie & Rock'n'Roll

NEMO (Jena)
The Music Of Nightwish & Evanescence

Buckweedz (Erfurt)
Speedstoner & Rock'n'Roll


SONNTAG


Geiszbock (Jena)
Fette Akustik-Mugge

Das 14. Bittstädt Open Air hat uns hinter sich gelassen. Hier ein Rückblick – in aller Kürze.

Donnerstag Abend. Der LKW ist fertig mit Getränken beladen und steht vor den Katakomben unseres Proberaums und der Lagerräume für Technik und Bittstädt-Zubehör. Die Getränkepaletten sind betont hoch und eng beieinander gebaut, weil hintendran noch Hoppels gesamte Beschallungs- und Lichttechnik zugeladen werden muss. Das Kopfwasch-Gewitter des Toningenieurs durchs Telefon vom letzten Jahr tun wir uns nicht wieder an. Dazumal war er bestürzt bis erzürnt über den wenigen Platz, den wir ihm übriggelassen hatten. Also lassen wir ihm so viel Platz wie möglich. Das bedeutet für uns, daß wir Gitarrenboxen, Bassanlage, Drums und Keyboards oben auf die Getränke verladen müssen. Und das dann noch transportsicher. Sepp und Peter von Nemo kommen extra aus Jena um Björn, F und mir zu helfen. So bauen wir stundenlag den ganzen schweren Scheiß bis hoch unter die Decke. Irgendwann ist alles oben. Noch ein Bier gezischt und ab ins Bett. Nicht ganz. Es ist noch so viel Vorbereitungskram liegengeblieben. Die Arbeitspläne, die Anweisungen für die Kassen und Auf- und Abbauhelfer, für die Absperrungen, die Elektrik und so weiter. Also hocke ich bis Mitternacht am Pehzeh und überprüfe, was ich alles vergessen habe.

Freitag. Mein Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Ich fahre in die Firma und baue die Anlagen für die Versorgung des Cocktailstandes und des Bierwagens mit fließend Wasser auf grüner Wiese ohne Wasseranschluss. Ein selbst entwickeltes Eigenpatent. Sogar von der Hygiene abgenommen. Stolzschwell. Hatte vorher keine Zeit dafür. Danach drucke ich noch sämtliche letzten benötigten Schilder, lade den letzten Kleinkram ins Auto, erledige mit Doro die letzten, ganz dringenden Sachen an meinem Arbeitsplatz (den ich jetzt für drei Tage verlasse), und schon ist es 9 Uhr. Das heißt, wir sind schon ne halbe Stunde hinter Plan. Die Weg-Schilder und Zelte haben wir gestern schon verladen. Also geht es nun mit der 5-Mann-Aufbaugesellschaft endlich los. Während der Anfahrt nach Bittstädt stellen wir sämtliche vorgefertigten Wegweiser auf, für die wir dieses Jahr mehrfach gelobt werden. Diesmal finden wohl alle problemlos das Festgelände. Mit starker Verspätung erreichen wir das Ziel unserer Träume. Klaus und Sabine warten schon, Paul ist schon seit gestern da. Und nun beginnt die Maschine zu laufen wie sie soll. LKW trifft pünktlich ein, Ton und Licht aufbauen, Zeltplatz fertigmachen soweit möglich, Beleuchtungen anbringen, Kassen aufbauen, Bierwagen in Gang bringen, Bestuhlung auf dem Platz verteilen, und die vielen kleinen Dinge, die ich hier nicht verrate. Soll jeder selber rausfinden, der ein Festival veranstalten will.
Der Kartenvorverkauf war eine deprimierende Katastrophe. Was wird nun passieren? So nach und nach kommen ein paar Zelte hinzu, und auch auf dem Platz tröpfelt Publikum herein. Das Wetter ist durchwachsen – genau wie vorhergesagt. Abwechselnd blickt mal die Sonne durch oder es regnet. Dabei ist es durchgehend empfindlich kalt. Laut Vorhersage hört der Regen etwa zu der Zeit auf, wo die erste Band spielt.

White Rabbit Dynamite kommen pünktlich an, trotz langer Anreise von Feierabend in Berlin bis Bittstädt. Dank unserer erfahrenen und (und äußerst netten) Techniker Hoppel, Grüni, F und Matze gehen alle Auf- und Umbaupausen entspannt und plangemäß über die – ähm – Bühne. Das bleibt das ganze Wochenende so. Und wie ebenfalls geplant hört der Regen komplett auf. Es kann losgehen. Sängerin Chrissi ist wirklich beeindruckend. Diese Stimme erzeugt Gänsehaut, und diese Erscheinung auch. Die Band überzeugt absolut und komplett. Die Musik kommt live wesentlich zugänglicher als auf den Tondokumenten der Band, und trotz der epischen Ausmaße nie langatmig rüber. Immerhin gerade 5 Songs werden in den 40 Minuten der Spielzeit dargeboten. Wie angekündigt kann man sich der psychedelischen Macht der wabernden und kraftvollen Klänge, die an vergangene, vernebeltere Zeiten erinnern, kaum entziehen. Offensichtlich gefällt den Musikern das Festival, die Idee, die Bühne, das Areal. Und was kann eine Band, die richtig gut ist und auch noch Spaß hat, schon falsch machen. Das Festival ist mit einer Art buntem Donnerschlag eröffnet.
Es läuft wie am Schnürchen. Hier sind Profis am Werk. Luc Stargazer treffen ebenfalls pünktlich aus Dresden ein. Schneller, gut geplanter Umbau, und weiter geht’s. Obwohl es noch nichtmal dämmert, schafft es auch diese Band, Atmosphäre zu erzeugen. Der dichte, tiefe und dunkle Klangkosmos von Luc Stargazer schwebt über den noch vom letzten Abendlicht erhellten Bierbänken. Und wenn man dort vor der Bühne steht, fliegt man in unendliche Weiten, wird gepackt und versteht. Als letzter Song bringt der Band-Hit „Jupiter“ noch einmal alles auf den Punkt. Großartig!
Es gibt Bands, die lassen sich bitten. Und es gibt Bands wie Burnin’ Alive. Wir hatten bis kurz vor dem Festival noch etwas anderes oder nichts im Sinn für diesen Slot. Aber Sänger Michi ist eine Nervensäge, und die Band ist ja wohl Weltklasse. Zugegebenermaßen habe ich mit dieser Band die Kommission ein wenig übergangen und sie einfach gebucht. Die spielen die Musik meiner Jugend und könnten meine Kinder sein. Michi lach jetzt nicht, rechne nach! Für jemanden in meinem Alter, und vergleichbare waren zuhauf schmunzelnd und feiernd auf dem Platz, ist es sehr unterhaltsam, diese schamlose Adaption von Gesten, Posen, Gesangslinien, Akkordfolgen und Textzeilen zu sehen. Und wie soll ich hier schriftlich herrgottnochmal vermitteln, was für einen Spaß das macht? Mir sowieso, aber wie erhofft auch dem kompletten Bittstädt-Publikum! Burnin’ Alive haben spielend den ganzen Platz im Sack, und der ist am Freitag noch wenigstens wie im Vorjahr gefüllt. Reinster, enthusiastischer, melodischer, knackiger Hardrock und Rock’n’Roll mit einer Gesangs-Röhre, die toll ist, schon lange bevor sie in Kontakt mit Rauch und Whisky kommen wird. Technisch alles im Reinen – die KÖNNEN spielen, posen sowieso. Und man muss sie einfach gern haben.
And now for some completely different. So war es gedacht. Bittstädt ist bunt! Unsere Ska- und Reggae-Band heißt Babayaga. Schon mit den ersten Ska-Rhythmen haben die Jenaer den Platz im Griff. Die kleine Meute singt begeistert mit „you better you better you better you better […] you better go now“. Und obwohl Hannes singt „I’m not a hippie at all“ feiern die Hippies for der Bühne ab und tanzen die Kälte weg.
Letzte Band des Freitags ist Crayfish. Wir wollten Wiederholungen vermeiden, wir wollen nicht, daß Bittstädt wie ein Crayfish-Fest aussieht. Das ist es nicht. Aber ihr seid uns so auf die Pelle gerückt. Also wieder Crayfish. Wir planen für die Band einen Set von 1 Stunde 15 Minuten. Wir müssen auch an unsere Genehmigungen denken. Aber es wird gnadenlos überzogen. Die Band schafft die geplante Setlist nicht im geringsten. Da wird rumgealbert, da wird lange soliert, da sind fremde Leute auf der Bühne und singen mit, da wird ewig lange gebraucht für die Prozedur, eine Hose herunterzuziehen, da kommen fremde Sänger auf die Bühne – in dem Fall Michi von Burnin Alive – und singen ganze Songs mit Crayfish im Duett, da kommt ein kleines blondes Mädel und will den Gitarristen öffentlich vernaschen – der hat grad keine Zeit, aber reagiert offen – dann versucht sie’s beim Sänger – der haut feige ab – kurzum – es ist was los auf der Bühne.
Wegen dieser Verzögerungen müssen Perlen wie The Jack, Back In Black und andere auf der Strecke bleiben. Aber so ist das nunmal – die Show geht vor. Ihr habt ja immernoch eure Original-CDs.

Es neigt sich ein wunderschöner Abend dem Bette zu. Einem kalten Bette. Wir haben die Schafskälte in Bittstädt, und friern uns den Arsch ab in den Zelten.

Samstag. Wie frisch man sich doch fühlt mit Frost im Bein. Heute wird es richtig schön. Erstmal vom Wetter her - die Sonne gibt alles, was sie kann. Und natürlich auch die Musik.
Los geht es ganz paradiesisch im Sonnenschein mit Footsteps. Ursprünglich waren At-Lantic als erste Band geplant. Weil deren Schlagzeuger aber bis 13 Uhr arbeiten musste und es nicht rechtzeitig bis zum Festgelände schaffen konnte, haben Footsteps unkompliziert getauscht. Und trotz der extrem frühen Spielzeit kamen mehrere Rückmeldungen bei uns an, die besagten, das wäre eine der besten Bands des Festes gewesen. Auch bei Footsteps kommt die Musik live wesentlich packender als auf Tonkonserve. Der knackige Bluesrock holt die ersten ausgeschlafenen weg von den Zelten vor die Bühne. Man merkt den Herren deutlich die Routine auf der Bühne an. Hier sind perfekt aufeinander eingespielte Musiker am Werk.
At Lantic haben nun auch noch das Pech, daß ihr Bassist ganz kurzfristig verhindert ist. Wir überlegen hin und her, was wir machen. Weil sie sich aber schon seit so vielen Monaten auf Bittstädt freuen, wollen sie einfach zu zweit auf die Bühne. Und sie ziehen sich äußerst achtbar aus der Affäre. Manchem, der die Band noch nicht kennt, fällt das Fehlen des dritten Mannes wohl gar nicht auf. Martin hat echt was drauf an der Gitarre und gleicht die Lücken im Klangbild aus. Nur das Schlagzeugsolo war nicht nötig oder sollte nochmal geübt werden.
Schon beim Umbau wird sichtbar, daß jetzt etwas Besonderes kommt. Auf die Bühne werden statt des Standard-Bestecks zwei Celli und eine Geige getragen. Carpe Noctem fegen mit rasend schnell gespielten Heavy Metal-Noten auf recht Heavy Metal untypischen Instrumenten übers Publikum. Zwar gibt es wiederholt Probleme mit der Geige (Paul hilft mit einer Geigensaite aus und Friedel schimpft hinterher über noch weitere gerissene Saiten), aber der Mugge tut das keinerlei Abbruch. Auf ganzer Linie überzeugend und eine ganz besondere Farbe im Programm!
Apropos Farbe – es tut sich was auf der Bühne. Hier und da wird Pink ergänzt. Am Schlagzeug, der Bass, und hier und da werden pinke Herzchen-Luftballons angebracht. Das muss ja eine ganz finstere Kapelle sein. Was jetzt kommt, ist ein ganz neues Sub-Genre – Disco-Stoner! Jawoll und das klingt genauso wie man sich das jetzt vorstellt. Jimmy Glitschy, der einarmige Karusselbremser pumpt mit Annikas Hilfe am Schlagzeug einen einzigartigen Beat über den Platz. Das geht wieder mal völlig in die Beine. Schade, daß so wenig Leute da sind. Das hätte eine ganz grandiose Hops-Orgie werden können. Der von der Band veranstaltete Luftgitarren-Wettbewerb bringt große Begeisterung und einen umwerfenden (teilweise umgefallenen) Sieger.
Viele haben sich vorab beim Durchlesen des Flyers über den Namen beeumelt – Hasenscheisse. Hatte die wirklich noch kaum einer in Thüringen auf dem Einkaufszettel? Wird ja man Zeit, daß sich das ändert! Es folgt ein Feuerwerk aus genialen Songs, die Tote zum Leben erwecken (wie macht man das nur in einer Besetzung aus einer Akustikklampfe, Bass, Quetschkomode und Percussion-Set!?) Berliner Mundart, Hasenscheisse-Humor und tiefsinnigen Texten, die abwechselnd zum Wegschmeißen komisch oder zum Heulen schön sind. Die fünf obersympathischen „Süßwasserboys“ haben sofort den Draht zum leider spärlichen Publikum und halten den auch bis zur sich steigernden Ekstase auf dem Platz. Das neue Album „a-Moll“ ist gerade fertiggeworden und auch in Bittstädt stark gefragt. Diese Kerle sind ganz eindeutig welche von den Guten. Hier gibt es keinerlei Starallüren trotz der teilweise üppigen Hintergründe der Herren. Und ohne das jetzt hier alles unnötig auswalzen zu wollen nur ganz kurz eine kleine Geschichte am Rande. Gitarrist/Sänger Christian Näthe und Percussionist Sascha Lasch waren mit der Band „Lex Barker Experience“ bereits 2002 und 2003 zu Gast in Bittstädt. Gelände, Bühne und besonderes Flair waren ihnen daher geläufig. Mitte Juni 2011 sah ich sie mit ihrer „neuen“ Band Hasenscheisse in Dresden und habe sofort angefangen, Christian unglaublich auf den Senkel zu gehen, damit sie in Bittstädt spielen. Obwohl Hasenscheisse schon längst zwei Nummern zu groß sind für ein Festival auf unserem Niveau, hat die Band nach unserer (sehr nachdrücklichen) Anfrage extra ein Bandmeeting abgehalten. Es wurde kurz, unkompliziert und gemeinschaftlich entschieden, daß man Bittstädt ja wohl unterstützen muss. Diese Botschaft wurde ans verwunderte Management weitergegeben, und von da an hatten wir ein unglaubliches Highlight im Programm. Ich durfte inzwischen beobachten, daß ein großer Teil der Angewesenden plötzlich nachhaltig äußerst ver-Hasenscheisst ist. Zumindest das können wir zurückgeben – etliche neue fanatische Fans.
Vom mitreißenden Humor in der letzten Abendsonne hinüber zur Melancholie aus Prag. Phil Shoenfelt & Southern Cross entern die Bühne. Obwohl die Band schon so viel von der Welt gesehen hat und obwohl Phil Shoenfelt eine Biographie hat, die für zwei, nein drei normale Menschen reicht, scheinen die Musiker von Bittstädt und von unseren bescheidenen Verhältnissen völlig begeistert. Ich gebe es ehrlich zu. Seit ich beim Bittstädt Festival mitwirke ist es mein Traum, DIESE Musiker nach Thüringen auf die Bühne zu bringen. Ich habe mich damit auch sehr undemokratisch in der Auswahlkommission durchgesetzt. Das nur damit klar ist, wer Schuld hat. Und zumindest für mich ist das der perfekte Soundtrack für die hereinfließende Dämmerung. „Closer“, „Paranoia.com“, ein dicke Gänsehaut erzeugendes „Damage“, das sind Songs von dunkler, warmer Atmosphäre, die einen auch verzaubern, wenn man sie zum allerersten Mal hört. Dann plötzlich unser erstes großes technisches Problem des Festivals. Eine der drei Phasen der Zuleitung aus dem Dorf fällt aus. Das führt zu plötzlicher Stille und Dunkelheit auf der Bühne. Die Musiker nehmen’s zum Glück gelassen. Geiger Pavel meint „Oh – we’re too strong!“. Paul rotiert fieberhaft los und sucht jemanden aus dem Dorf, der an den Verteilerkasten für das abgelegene Festgelände herankann. Phil Shoenfelt fragt, ob jemand eine Akustikklampfe hätte, damit er die Pause überbrücken könne. Die Geiszbock-Jungs sind nirgends zu finden, und das Hasenscheisse-Auto ist Tetris-mäßig fertig zur Abfahrt beladen, die Akustik-Klampfe als erstes und nun ganz innen drin. Aber Paul findet schnell Ingolf, der den Verteilerkasten im Dorf öffnet, die Sicherung wieder reindrückt, und es kann weitergehen. (Danke Ingolf für die schnelle Hilfe!) Phil fragt mich, ob sie ihren Set entsprechend kürzen sollen. Ich bitte ihn, unverändert beim abgebrochenen Takt weiterzumachen und nichts wegzulassen. Wir werden schon klarkommen. Phil widmet mir noch mit einer Ansage mein Lieblingslied – „Darkest Hour“. Einige Freunde auf dem Platz, die von unserer Problemsituation wegen der viel zu geringen Besucherzahl wissen, denken er will mich ärgern.
Dann kommt ein Rekord. N.E.M.O. legen eine Umbauzeit inkl. Kurz-Sondcheck von 30 min hin. Wegen der Größe des Ensembles – 2 Gitarren, Bass, Drums, Keyboards, 3 Geigen, 1 Querflöte, 1 Sackpfeife, 4 Gesänge - dauert das sonst zwei Stunden. Der Auftritt der dann folgt, ist in etwa so zu charakterisieren: Einerseits katastrophengebeutelt. Wegen der Kälte sich verstimmende Geigen und eingefrorene Rohrblätter der Sackpfeife, eingefrorene Finger an Flöten und Keyboards, eingefrorenes Digital-Mischpult welches dauernd die Keyboards ausschaltet, Monitorprobleme, auch wegen vorher nicht abgesprochener Positionswechsel auf der Bühne und und und. Andererseits eine Band, die sich freut, endlich mal wieder auf die Bühne zu dürfen und die ROCKT. Scheinbar hat das Publikum eher letzteres wahrgenommen. Wir sind im Zeitverzug wegen des Stromausfalls und auch überhaupt. Also schmeißen wir Sleeping Sun raus, spielen alles was knallt, und sehen zu, daß wir die Bühne räumen für Buckweedz.
Es ist nun schon reichlich spät. Viele Feiermüde taumeln in Richtung des weihnachtlich beleuchteten Waldwegs zu den Zelten. Doch was ist das? Verdammt! Es dröhnt aus den Boxen, es rumort, es groooovt. Es rock’n’rollt, daß es eine Freude ist. Viele viele machen kehrt und plötzlich ist es wieder locker gefüllt vor der Bühne. Buckweedz holen die letzten Kraftreserven aus den Verbliebenen und setzen den genau richtigen Schlusspunkt mit der genau richtigen Botschaft – Rock’n’Roll, sonst nichts!

Die Samstag-Nacht ist noch kälter als die Letzte. Die Schafskälte wandelt sich in Bittstädt zur Schweinekälte. Der Crepes-Stand misst eine Nachts-Tiefst-Temperatur von -1 °C. Ich stecke im Schlafsack in voller Ledermontour, also Lederhose und Lederjacke. Is doch nich normal im Juni! Auf dem Zeltplatz haben trotzdem alle überlebt. Manche haben auch Schnaps genommen. Wegen der abreisenden Ausreisewelle (ausreisenden Abreisewelle) verbleiben nur wenige von wenigen für den leckeren Sonntag. Der Crepes-Stand haucht den Aushaltenden neues Leben ein mit Süßkram und Kaffee. Wir treffen tatsächlich beim Betreten des Platzes auch Verbimmelte, die nicht SCHON WIEDER da rumstehen, sondern IMMER NOCH. Naja, wenn man durchmacht, friert man nicht so.

Musikalisch kommt nun das Sahnehäubchen obendrauf. Die einzige mir bekannte Dickenband, die sich auch noch eher der literarischen, als der musikalischen Zunft zugehörig fühlt, heißt Geiszbock. Trotz sparsamer – nicht spärlicher! – Besetzung folgt ein umfassender, multimedialer Auftritt. Mit großartiger Poesie, spontaner Eingebung und gar Dienstleistung am Publikum – Herr Geisz putzt einem Publikanten kurzerhand die Nase, weil dieser über Schnupfen klagt. Das Genre heißt unangenehmerweise sicherlich tatsächlich Liedermacher. Aber Geiszbock sind anders. Die Texte sind überragend und von großer Weiszheit gekennzeichnet, die Muszik ist richtig gut und packend (was bem Liedermacher-Genre sonst oft fehlt). Und die größte Weiszheit der Texte und Ansagen besteht glücklicherweise in ihrem Humor. Das hab ich jetzt sehr trocken formuliert. Ich zitiere keine Geiszbock-Witze (über die wir immer noch schenkelklopfend lachen), damit ihr euch selber ärgert, nicht dagewesen zu sein. Nagut – einen kann ich mir nicht verkneifen. Stefan Geisz meint, wenn ihn die Polizei anhält und fragt, wieviel er getrunken hätte, gibt er zur Auskunft: „Ich hatte EINEN Auftritt.“ Geiszbock geben allen letzten durchhaltenden Gästen und allen freiwilligen Abbauhelfern das ganz wichtige Bittstädt-war-schön-Lächeln mit nach Hause.

Ganz viele von euch bleiben noch mit auf dem Platz und helfen uns, auch im nun wieder einsetzenden Nieselregen, den Platz in den Ursprungszustand zurückzuversetzen. Tausend Dank!

Einen Riesen-Dank an Hoppel am Ton und Grüni am Licht! Dank der besonderen Gegebenheiten in Bittstädt (eine einzige Nicht-Ganz-32A-Zuleitung zum Festplatz für ALLES inklusive Crepes-Stand) muss in allen Bereichen angepasst und improvisiert werden. Wir hatten tolles Licht – kein Gast hat Strommangel bemerkt und die Atmosphäre hat immer gestimmt. Und wir hatten einen absolut genialen Ton, über alle Bands hinweg.

Ganz großes Danke an Georg, Peter, Katha, Cersten, alle aus der Crew, deren Namen ich mir noch nicht merken konnte, Paule, Klaus, Berna, Karim, Verena, Lucy, Jan-Markus, Sepp, Peter, Hoppel, Grüni, Matze, Flo, Sabine, Sabine, Steffen, Kathrin, Christian, Bianca, Tom.

Und vor allem riesengroßes Danke an Doro, Thomas, Björn und Paul für hunderte Stunden Vor-, Mittel- und Nachbereitung. Unser Festival!

Da waren noch Fragen. Zur Bandauswahl.

Ganz besonders freut uns euer bisher schon eingegangenes Lob für die Auswahl der Bands. Viele haben mich auf dem Platz gefragt, wie das abläuft und wie man so ein Programm zusammenbekommt.
Wir haben – angefangen im August 2011 – unzählige Nächte und Stunden darauf verwendet, dieses Line-Up zu zimmern. Dazu gehört, daß wir fünf von der Musik-Kommission viel selber auf Konzerten unterwegs sind und alles einsammeln, was zu Bittstädt passt. Dazu gehört auch, daß hunderte von Bewerbungen über Internet und Post reinflattern. Man setzt sich dann Nacht für Nacht hin, hört Mitschnitte durch, sieht sich Live-Videos an, diskutiert, erzählt und vergleicht Konzerterlebnisse, telefoniert und verhandelt zäh mit Bands. Schließlich ist unser finanzieller Rahmen extrem eng – Bittstädt ist ein winziges Festival. Viele Bands können wir uns von vornherein gar nicht leisten. Und dann füllen wir unseren vorher gesteckten Rahmen mit den Besten aus der Auswahl aus. Ein bißchen hiervon, ein bißchen davon – Blues, Psychedelic, Hardrock, Metal, Ska, Reggae, Folk, Rock’n’Roll, Stoner, alles was zu Bittstädt passt. So geht das. Natürlich hatten wir dieses Jahr wirklich Glück. Sowas wie die Riesen-Unterstützung von z.B. Hasenscheisse passiert einem nicht jedes Jahr. Für solche Bands sind wir normalerweise viel zu klein. Chrischi, Matze, Gigi, Laschi und Stephan – ich bin außer mir vor Dank! Auch Phil Shoenfelt und seine Band, alle Nemos, die Crayfishe und alle anderen Bands haben uns extrem unterstützt und sind uns entgegengekommen. Danke für den gemeinsamen Bittstädt-Traum!

Nicht so schön

Immer wieder hat man Diskussionen am Einlass auszufechten, wo um fünf Euro Eintritt hin oder her gefeilscht wird. Das sind die Momente, die einem die gute Laune vergällen. Hinter so einem, wenn auch kleinen, Festival stecken trotzdem viele Monate Vorbereitungszeit, Rechnungen für Werbung, Ticketservice, Platzmiete, Dixies, Versicherung, Tontechnik, Schanktechnik, Licht, Kabel, Absicherung, Entsorgung, Transporte, Genehmigungen, Sondergenehmigungen, Übernachtungen der Musiker, Verpflegung der Musiker und Mitarbeiter, Band-Gagen und Band-Aufwandsentschädigungen und GEMA. Dazu kommt das Engagement der glücklicherweise vielen und begeisterten Helfer, die teilweise sehr lange Fahrtstrecken auf sich nehmen (Bad Hersfeld, Dresden, Leipzig, Berlin), dafür keinen Cent verlangen und das ganze Wochenende kostenlos mitarbeiten. Daß trotzdem mit solch einem Festival kein Geld zu verdienen ist liegt daran, daß wir eben noch nicht so weit sind, daß wieder stabil 500 Leute auf dem Platz zu Gast sind. Wir müssen alles aus den Einnahmen der wenigen Hanseln bezahlen, die Lust hatten zu kommen. Und dann stellen sich da noch Typen hin und meinen, man wolle sie abzocken und fangen an zu verhandeln wie auf dem Basar. Ich rede mich in Rage.

Trotzdem schön

Ihr habt inzwischen mitbekommen, wie die Bilanz aussieht. Wir hatten viel weniger Besucher auf dem Platz als letztes Jahr. Alle Ideen, woran das gelegen haben kann, bitte an mich senden! Wir haben viel Geld verloren. Und weil wir nicht gerade mit dicken Polstern gesegnet sind, ist das für unser Festival existenzgefährdend. Aber das ist nicht das Gefühl, das überwiegt. Viel schwerer wiegt die große, positive Resonanz und wie wir’s selber erlebt haben. Gerade ein Wochenende vorher haben wir selber eins unserer Lieblingsfestivals besucht. Als Gäste. Und obwohl wir nun in Bittstädt durcharbeiten mussten und es manchmal ganz schön stressig war, sind wir uns einig – nichts geht über Bittstädt.

Phil Shoenfelt hat mir dies geschrieben:

Hallo Christian, wollte nur DANKE sagen an die Macher eines so coolen Festivals. Wir haben uns total wohl gefühlt und hatten viel Spaß miteinander. Es tut mir sehr leid zu hören, daß ihr Geld verloren habt. Wir haben ebenfalls gerade Geld verloren mit unserer US-Tour, aber ich sehe die Dinge immer langfristig. Ich habe so viele neue Eindrücke und Erlebnisse, die ich nie bekommen würde, wenn die Dinge ihren gewohnten Gang gehen würden. In der englischen Umgangssprache sagen wir „swings and roundabouts“ – was bedeutet, manchmal verlierst Du, manchmal gewinnst Du. Ich glaube das ist der einzig richtige Weg, Rock’n’Roll zu betrachten, als eine Art Roulette. Und ich denke das ist die Art, wie wir in dieses Spiel eingebunden sind. Abgesehen von der Liebe zur Musik selbst ist es ein vergleichbares Gefühl, nie das Ergebnis zu kennen. Ich denke, das ist ein Teil des Reizes, zumindest für mich. Die ganze Geschichte ist ein riesiges Spiel, vom Anfang bis zum Ende. Egal wie, es ist natürlich nicht spaßig, Geld zu verlieren, und ich hoffe ehrlich, ihr schafft es, alles irgendwie zu regeln. Aber ich denke, ihr habt sehr viel positive Energie erschaffen und ein gutes Gefühl für die Leute, mit dem was ihr getan habt. Die Leute haben es geliebt, ich finde, das Festival war ein großer Erfolg – vielleicht nicht in finanzieller Hinsicht, aber mit positiver Energie und dem guten Gefühl, das bleibt. Haltet durch und macht weiter!!!

Beste Wünsche aus Prag
Phil

Was nun?

Was uns verbindet ist die Kraft des Rock’n’Roll. Wer lacht kriegt Popoklatsche – das ist kein Geschmalze! Und was würden wir hier wollen, ohne das. Was spielt Geld für eine Rolle, solange man Spaß miteinander hat und vor allem, solange man anderen etwas geben kann – ebenfalls Spaß, Rock’n’Roll, Gesundung für kranke Seelen und ein schönes Festival. Deswegen sind wir hier, und das ist alles, woran sich jemand erinnern wird, wenn wir einmal nicht mehr da sind. Nicht daran, wieviel Geld oder Schulden wir hatten.

meisenmann

Bildliche Impressionen gibt es hier.